Sprachsanierung

Nun ist es so: die deutsche Sprache ist schwer mit Altlasten behaftet. Man müßte sie sozusagen sanieren. Diese Altlasten ergeben sich oft aus Redewendungen aus dem 20. Jahrhundert, welche in vieler Hinsicht den Deutschen peinlich sein dürfte, sofern man aus einer Staatsangehörigkeit eine kollektive Verantwortung abzuleiten bereit ist.

Bin ich übrigens nicht.

Ich möchte mal einen Vergleich wagen: daß eine eventuelle “Sprachsanierung” in vieler hinsicht von einem polito-sozialem Moralbauamt gebremst wird. Und wie ich momentan auf Bauämter zu sprechen bin wissen meine Freunde.

Es ist offensichtlich nicht in Ordnung, daß ich meine Scheune schlicht und einfach saniere und zu einem Photostudio ausbaue. Des weiteren habe ich mich anscheinend zu schämen, daß das Nebengebäude, um das es sich handelt, diverse moderne Anforderungen nicht erfült. Wir reden hier übrigens von einer ehemaligen Stellmacherei, ca. 1940 erbaut, welches neben einem 1785 erbauten Bauernhaus steht, und zwar mit lediglich 3m Abstand. Früher, hier im Dorf, hat man halt eine gewisse Zweckmäßigkeit walten lassen; Ja, das Gebäude steht z.B. an der Grundstücksgrenze (heute: “Waaaaaaas?!?!? Wie kannst Du nur!!!!??”), aber da das Grundstück recht schmal ist, ist es halt eine bessere Raumnutzung gewesen, damit man auf dem Rest noch einen Gemüsegarten hineinmanövriert bekommt. Genau so ist mein Haus auf der anderen Grundstückseite direkt an der Straße, ohne Gehweg, da hier im Dorf ein formeller Gehweg Schwachsinn wäre. Man ist sich — nach wie vor — nicht zu schade, um auf der (ohnehin verkehrsarmen) Straße zu laufen.

Aber nein: Bei dem Bauamt geht es nicht um Zweckmäsigkeit, sondern um die Einhaltung gewisser allgemeingültigen Baubestimmungen. Daß das Ding schon seit 225 Jahren so steht ist egal: es hat die Normen zu erfüllen. Das hat ein gewisser Herr U–. aus P–. entschieden, und so wird’s sein. Wie ich es hinbekommen soll, eine Fachwerkwand aus Holz un Lehm feuerfest zu bekommen habe ist anscheinend auch egal, bzw. nicht Herrn U-.s Problem.

Tangens: Kein Wunder, daß das Land eingeht.

Zurück zur Sprachsanierung:

Man empört sich anscheinend über eine Randbemerkung einer gewissen Fernsehreporterin. Sie hat ein Wort benutzt, welches das wort ‘Reich’ beinhaltet! Sie hat ein Nazionalsozialistisch-belastetes Wort benutzt!

Alarmiert die Polizei. Ruft das Sprachsanierungsaufsichtsamt an! Die Frau muß weg! Werft sie in eine epistemische Quarantäne!

Meine Fresse, was für ein Schwachsinn. Meinetwegen hat sie Müll erzählt, vielleicht hat sie zu wenig Ahnung von Fußball (ich übrigens auch), aber sie deswegen zu kreuzigen?

Ich liebe das Internet und ich liebe die freie Meinungsäußerung. Aber auch liebe ich Zweckmäßigkeit und Augenmaß, und ich würde mir wünschen, daß die Deutschländer mal drüber stehen würden.

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About lidlesseye

Mouthing off about photography, and occasionally important things too.

Posted on June 19, 2010, in Culture. Bookmark the permalink. Leave a comment.

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